https://www.derstandard.at/story/3000000262048/leben-mit-spenderlunge-ich-war-mir-anfangs-nicht-sicher-ob-ich-auch-luft-hole

Interview Univ.-Prof. Dr. Christoph Hörmann im DER STANDARD am 25.03.2025

Silvia Scholz lebt seit elf Jahren mit einer transplantierten Lunge – und genießt das in vollen Zügen. In Österreich werden jedes Jahr hunderte Organe transplantiert, doch zuletzt gab es weniger Spender

Pia Kruckenhauser

25. März 2025, 08:00

Die Lunge von Silvia Scholz hat schon bei ihrer Geburt nicht richtig funktioniert. Eine erste große Operation hatte sie im Alter von nur drei Monaten, weitere sollten folgen. So gearbeitet, wie sie eigentlich sollte, hat ihre Lunge trotzdem nie. Sie hatte Aussackungen in den Bronchien, in denen sich Sekret angesammelt hat. “Dadurch habe ich ständig Lungenentzündungen bekommen, das Gewebe ist immer weiter vernarbt”, erzählt die heute 52-Jährige.

Die Lunge von Silvia Scholz hat schon bei ihrer Geburt nicht richtig funktioniert. Eine erste große Operation hatte sie im Alter von nur drei Monaten, weitere sollten folgen. So gearbeitet, wie sie eigentlich sollte, hat ihre Lunge trotzdem nie. Sie hatte Aussackungen in den Bronchien, in denen sich Sekret angesammelt hat. “Dadurch habe ich ständig Lungenentzündungen bekommen, das Gewebe ist immer weiter vernarbt”, erzählt die heute 52-Jährige.

Irgendwann war aber klar, so geht es nicht weiter. 2011 stellte man auf der Reha fest, dass Scholz’ Herz den mangelnden Sauerstoffaustausch der Lunge nicht mehr kompensieren kann, eine Lungentransplantation wurde unausweichlich. Die St. Pöltnerin musste Arbeitszeit reduzieren, auf Urlaub zu fahren wurde unmöglich beziehungsweise musste gut geplant werden, immerhin musste sie überall das Sauerstoffgerät, Nachfülltank inklusive, dabei haben.

International organisiert

Organtransplantationen sind mittlerweile schon fast ein Standardeingriff, die Lebenserwartung von Personen mit transplantiertem Organ ist praktisch gleich hoch wie die von Menschen mit dem eigenen Organ, berichtet Christoph Hörmann, Primar der Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum St. Pölten und bis vor kurzem Präsident der ÖGARI, der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. “Das am häufigsten transplantierte Organ ist die Niere. Das ist wirklich wichtig, weil die Dialyse extrem belastend ist, ein Jahr mit dieser Behandlung kostet zwischen vier und fünf Lebensjahren.”

Die Organvergabe in Österreich ist dabei international organisiert über das Register der Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden. Neben Österreich sind Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Ungarn und Slowenien Mitglieder der Organisation. Auf zentralen Wartelisten werden alle Personen, die auf ein Organ warten, erfasst. Steht ein Organ zur Verfügung, organisiert die Behörde die Weitergabe. Das läuft nach strengen Kriterien ab: Wartezeit, Blutgruppe und Größe des Organs müssen passen, aber auch der Zustand der wartenden Personen wird regelmäßig evaluiert. Bei akuter Lebensgefahr kann eine Person als ‘high urgent’ eingemeldet und auf der Warteliste entsprechend vorgereiht werden.

In Österreich entnommene Organe können dabei im ganzen Eurotransplant-Raum implantiert werden. Ebenso können Organe aus anderen Mitgliedsländern in Österreich transplantiert werden, je nachdem, welches Organ mit welcher Person am besten zusammenpasst. “Das ist auch absolut sinnvoll, wir wissen zum Beispiel bei der Niere, dass der Körper sie umso eher annimmt, je besser sie genetisch passt”, betont Hörmann. Aber die Zahl der transplantierten Organe muss für jedes Land immer ausgeglichen sein mit der Zahl der in diesem Land explantierten Organe. Hier haben Personen, die in Österreich auf ein Organ warten, definitiv einen Vorteil. Hierzulande werden deutlich mehr Organe pro Million Einwohner transplantiert als etwa in Deutschland, wo die Entnahme gesetzlich anders geregelt ist.

Spende ist Akt der Solidarität

Zuletzt gab es übrigens weniger Transplantationen, bei allen Organen, weil es weniger Organspender gab. Im Jahr 2018 gab es in Österreich 22,6 Spender pro Million Einwohner, 795 Patientinnen und Patienten bekamen ein Organ. Im Jahr 2023 gab es nur noch 17,6 Spender auf eine Million, das bedeutete 648 Transplantationen.

Das hat mehrere Gründe, die sicher noch eine Spätfolge der Covid-19-Pandemie sind, während der weniger Spenderorgane verfügbar waren. Ein weiterer Grund ist wohl auch die zunehmende Anzahl von Widersprüchen gegen die Organspende. Hörmann bittet daher alle Menschen, sich über die Organspende zu Lebzeiten aktiv zu informieren und dann für sich zu entscheiden, ob diese im Fall der Fälle infrage kommen würde – und diese Entscheidung dann auch mit den nächsten Angehörigen zu besprechen. “In einer Situation, in der die Möglichkeit zur Organspende nach dem Tod des Patienten besteht, ist es sowohl für die Angehörigen als auch das behandelnde Intensivteam emotional eine große Erleichterung zu wissen, dass der oder die Verstorbene einer Organspende gegenüber positiv eingestellt war. Es gibt so viele Menschen, die auf eine Transplantation angewiesen sind. Nicht wenige Personen versterben auch, während sie auf der Warteliste stehen. Die Organspende ist ein wirklich wichtiger Akt der Solidarität.”

Organe können dabei prinzipiell von Verstorbenen jeden Alters entnommen werden, solange sie gesund und voll funktionstüchtig sind. Doch ältere Organe werden meistens älteren Menschen implantiert, es gibt etwa bei den Nieren ein “Old for Old”-Programm, das sehr gut funktioniert. Das Überleben des Patienten oder der Patientin ist dabei immer oberstes Gebot in der Intensivmedizin, und solange ein Überleben möglich ist, ist Organspende kein Thema. Postmortale Organspende kommt nur bei Personen infrage, bei denen der Hirntod diagnostiziert wurde. Dieser ist gleichbedeutend mit dem juristischen Tod, auch wenn die Organe aufgrund von intensivmedizinischer Unterstützung, wie Beatmung oder Kreislaufunterstützung, noch weiterarbeiten.

Unterdrücktes Immunsystem

Der Gehirntod tritt ein, wenn das Gehirn nicht mehr durchblutet ist. Dies passiert meistens dann, wenn es aufgrund einer Blutung oder einer Verletzung so stark anschwillt, dass der Druck im Kopf höher ist als der Blutdruck. Dann gelangt kein Blut und damit kein Sauerstoff mehr ins Gehirn, die Gehirnzellen sterben ab. Der Großteil der gespendeten Organe wird Menschen mit einer spontanen Gehirnblutung entnommen, die daran verstorben sind. Opfer von Autounfällen als Spender sind mittlerweile selten. Die Fahrzeuge sind deutlich sicherer geworden, entweder die Menschen überleben, oder sie sind so schwer verletzt, dass eine Organentnahme nicht infrage kommt.

Einmal implantiert, dauert es je nach Organ einige Wochen oder Monate, bis man sein Leben nach der Rehabilitation ganz normal weiterführen kann. Bei der Niere sind es wenige Wochen, bei der Lunge kann es mehrere Monate dauern. Die Lebensqualität ist dann, wie gesagt, im Normalfall sehr gut – vorausgesetzt die betroffenen Personen halten gewisse gesundheitliche Parameter ein. Kommt es zum Beispiel zu einer Lebertransplantation infolge von Alkoholmissbrauch, muss vorher eine Entziehungskur gemacht und eingehalten werden – sonst kommt das gleiche Problem relativ rasch wieder. Das wird im Vorfeld auch regelmäßig kontrolliert.

In Folge ist dann wichtig, dass die Betroffenen die immunsupprimierenden Medikamente einnehmen, damit der Körper das neue Organ nicht abstößt, und regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle gehen. “Das Immunsystem ist dann weniger effizient, die Betroffenen sollten deshalb große Menschenmengen eher meiden, oder man schützt sich mit einer Maske, vor allem in der Infektionssaison”, sagt Hörmann.

Unglaubliche Lebensqualität

Zwei Jahre musste Silvia Scholz auf eine passende Lunge warten, aber dann ging es extrem schnell. Sie wurde von einer fremden Nummer angerufen. “Ich habe noch überlegt, ob ich abheben soll, weil wir im Büro gerade Kaffeepause machen wollten.” Am Telefon war das Wiener AKH mit der Information, dass wohl eine Lunge bereitstünde. 15 Minuten später begleiteten ihre Arbeitskollegen und -kolleginnen sie zum Rettungswagen, der Scholz in das Abenteuer Leben 2.0 brachte.

Zum Glück passten Scholz und die Lunge zusammen – das ist nämlich nicht immer so. Und das Ergebnis war für sie eine Offenbarung: “Ich hatte praktisch mein Leben lang Atemnot gehabt, und auf einmal bin ich mit einem neuen Atem aufgewacht. Davor hat meine Lunge bei jedem Atemzug gerasselt, das war einfach weg.” Das hatte sie zwar nie gestört, sie kannte es ja nicht anders. Aber es war unglaublich, zum ersten Mal zu erleben, was mit einer funktionierenden Lunge alles möglich ist. “Ich musste mich am Anfang richtig auf meine Atmung konzentrieren, weil ich mir nicht sicher war, ob ich tatsächlich Luft hole.”

Silvia Scholz konnte am Anfang gar nicht glauben, was mit ihrer neuen Lunge alles möglich war. Das Bild zeigt sie 2014, am Tag nach der Transplantation, im Krankenhaus. Da hat sie sich noch auf jeden Atemzug konzentriert, weil sie sich nicht sicher war, ob sie tatsächlich Luft holte.privat

Seit elf Jahren lebt Scholz nun mit ihrer transplantierten Lunge. Sie muss Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken, damit es nicht zu einer Abstoßungsreaktion kommt. Aber abgesehen davon geht es ihr hervorragend, man spürt richtig ihre Lebensfreude, wenn man mit ihr spricht. Und das Leben nach der Operation hielt einige neue Erlebnisse für sie bereit: “Nach fünf Monaten habe ich bei meinem ersten – und einzigen – Nordic-Walking-Wettbewerb teilgenommen. Ich konnte gar nicht fassen, dass das funktioniert, es war extrem beflügelnd.”

Ein Jahr später machte sie ihre erste längere Flugreise. Und im Alltag war auf einmal vieles, was davor wirklich mühsam und erschöpfend war, ganz einfach. Mittlerweile ist Scholz Niederösterreich-Koordinatorin des Österreichischen Verbands der Herz- und Lungentransplantierten, in dem sich Betroffene und Angehörige vernetzen und austauschen können. Ihren neuen Atem genießt sie unendlich: “Ich habe so viel neue Lebensqualität bekommen. Die Transplantation war die für mich beste Entscheidung!” (Pia Kruckenhauser, 25.3.2025)